Reise 1966 Osttürkei

REISEBERICHT :

Meine 1. große Reise mit einem ausgebauten VW- T1 Bus bis in die Osttürkei.



Nach Abschluß meiner Berufsausbildung in Österreich kam ich im August 1965 nach Bayern. Ich lernte bei meinem 1. Arbeitgeber im Süden von München einen Arbeitskollegen kennen, der gerade mit einem PKW- Kombi eine halbe westl. Mittelmeerumrundung vollendet hatte. Er wollte 1966 mit einem VW- Bus wieder nach Nordafrika und suchte einen Mitfahrer. Da war ich natürlich sofort bereit, ihn auf dieser Tour zu begleiten. Dazu benötigte ich aber das richtige Auto. Mein VW- Käfer war dafür natürlich nicht geeignet. So suchten wir gemeinsam nach gebrauchten VW- Bullis. Wir fanden auch für mich einen brauchbaren T1. Die Sitze wurden ausgebaut und ich baute mir mit Tischlerplatten eine fest eingebaute Transportkiste, einen Klapptisch und eine Box für einen mit Gas betriebenen Kühlschrank. Von Westfalia gab es damals schon Beschläge, um eine Sitzbank zu einer Liegefläche um zu bauen. Nach einem ½ Jahr Arbeit, war dann der Bus startklar. Wir wollten im September 1966 zu einer 4 wöchigen Tunesientour starten. Die An- und Rückfahrt sollte über Sizilien erfolgen.
Einige Wochen vor unsrer Abreise kam Hans Nadler, mein Arbeitskollege mit seiner Freundin zu mir und erzählte, dass seine Nachbarin gerne in die Osttürkei fahren wollte. Hans fragte mich, ob wir umdisponieren wollten und unsere Nordafrika- Tour um ein Jahr verschieben wollten. Na gut, dann verschieben wir. Renate, meine damalige Freundin und spätere Ehefrau war damit ebenfalls einverstanden. So planten wir dann mit 2 Bussen und einem Opel-Rekord (Hans Nachbarin mit Mann wollten auf den Liegesitzen im Opel schlafen).
So holte ich mir gute Reiseinformationen von meinem Großonkel, der in den 50iger- Jahren in der Türkei Textilfärbereien aufgebaut hatte. Er hatte mich als 15 jährigen in den Sommerferien zu sich in die Türkei eingeladen. Mein Vater hatte es mir nicht erlaubt, vermutlich aus Eifersucht, denn mein Vater hatte keinen guten Kontakt zu seinem Onkel, der auch mein Firmpate war. Er hatte keine eigenen Kinder. Mich hatte es damals sehr gewurmt! Na ja, vielleicht ist bereits damals meine große Reiselust auf fremde Länder entstanden!
So starteten wir mit 3 Fahrzeugen von München über Kärnten und durch Jugoslawien über den berüchtigten Autoput, eine Mörderstrecke mit viel LKW- Verkehr, Schlaglöcher und zum Teil noch mit Pflastersteinen. Über Klagenfurt, Laibach, Zagreb, Belgrad bis Nis`, wo wir dann nach Bulgarien abbogen. Über Sofia und Plovdiv war dann bald die türkische Grenze bei Edirne erreicht. Nachdem wir einige Stunden zu Einreise an der türkischen Grenze benötigte, fanden wir dann im Dunklen einen Schlafplatz in einem Park in der Nähe der Großen Moschee in Edirne. Früh am Morgen weckte uns der Mulla mit seinen durch Lautsprecher verstärkten "Gesängen", die uns dann noch des öfteren durch die Türkei beglücken werden sollten. Zu allem Lärm des Mullas haben dann nach tausende Krähen in den Bäumen über uns das Morgenkonzert begleitet, an einen weiteren Schlaf war daher nicht mehr zu denken. So erreichten wir nach 3 Tagen und 2200 gefahren Kilometern Istanbul. Wir fanden am Bosporus nahe des Flughafen einen Campingplatz, nicht gerade sauber! In der Zwischenzeit gibt es den nicht mehr. Nach einer mehrtägigen Besichtigungstour durch diese tolle Metropole mit seinen einmaligen Sehenswürdigkeiten, benutzten wir die Autofähre über den Bosporus auf die asiatische Seite der Stadt. Eine Brücke gab es damals noch nicht- heute gibt es 2 Autobahnbrücken.
Die ersten Schwierigkeiten stellten sich ein: die Nachbarin von Hans, über 60 Jahre alt, war sehr unternehmungslustig und schon früher mal in der Türkei, war ja die treibende Kraft zu dieser Türkeireise. Zum Unterschied war ihr Mann schon Mitte 70, zwar rüstig, aber vermutlich noch nicht weit von Bayern auf Reisen. Er begann zu Jammern, das er kein Münchner Bier mehr bekam, Cola schmeckte ihm nicht! und seine "SALEM- Ohne" waren zu Ende. Die türkischen Zigaretten waren ihm scheinbar zu stark!



Auf der Strecke zwischen Istanbul und Ankara gab es dann riesige LKW Staus, die ziemlich nervig waren. So kam es dann zum Unfall: ich fuhr meistens voraus, der Opel in der Mitte und als 3. Fahrzeug kam Hans. Ein LKW scherte hinter mir von rechts ein und zwang den Opel zu einer Vollbremsung. Hans folgte hinter dem Opel und konnte wegen seiner wesentlichen schwächeren Seilzugbremsen den Auffahrunfall auf den Opel seiner Nachbarin nicht verhindern. Außer Blechschaden ist keinem etwas passiert. Es folgte stundenlanges erfolgloses Palaver bei der türkischen Polizei, der LKW- Fahre war sich natürlich keiner Schuld bewußt, schließlich ist ja Hans der Nachbarin hinten auf den Opel aufgefahren. Notdürftig haben wir die verbogene Stoßstange und den Kofferaumdeckel ausgebeult. Schlimmer hat es Hans seinen VW- Bus erwischt. Die Beifahrertüre ging nicht mehr auf. Die Stoßstange und den Kotflügen unter der Beifahrertüre versuchten wir mit wenig Erfolg mit dem Abschleppseil wieder nach vorne zu ziehen. Wir wollten noch bis Göreme fahren und dort die Schäden zu verringern. Die Freundin von Hans bekam zu allem Verdruß noch einen Durchfall und war so geschwächt, das sie kaum mehr stehen konnte. So beschlossen Hans mit Freundin und das Opelteam in Göreme um zu drehen und zurück nach Hause zu fahren. Renate und ich wollten natürlich nicht unsere Reise nach nicht mal 2 Wochen abbrechen, unser Ziel war ja die Osttürkei!









Nachdem wir nicht alleine mit nur einem Auto weiter in die Osttürkei fahren wollten, suchten wir uns einen Dolmetscher. Wir fanden Ali Osman, einen Einheimischen, der Englisch konnte, die Fremdsprache hatte er bei seinem Militärdienst gelernt hatte. Den heuerten wir für 3 Wochen als Dolmetscher an. Die Osttürkei war 1966 wirklich noch ein Abenteuer, noch keine Touristen, Kurdengebiet, unruhig und mit viel Militär. Daher wurde uns geraten, auf alle Fälle abends Gendarmaposten anzufahren, um im Schutze des Militärs zu schlafen. Nach der Erkundung der wunderbaren Landschaft rund um Göreme und dem Besuch der unterirdischen antiken Höhlenkirchen starteten wir zuerst nach Süden. Unser Ziel war der Berg Nemrut mit seinen riesigen Steinstatuen. Da es noch keine Straße auf diesen Berg gab, heuerten wir Mulitreiber mit ihren Tieren an, auf denen wir zum Gipfel reiten konnten. Bewaffnetes Militär hat uns zu unserem Schutz begleitet. Dann fuhren wir auf einer abenteuerlichen Fähre über den Euphrat, um die Ausgrabungen von Harran zu besuchen.



Am Euphrat waren wir die Ursache einer Schlägerei zwischen den Bootsleuten und einer Gruppe aus dem nahen Dorf. Wir hatten uns bei der Auffahrt auf die Fähre im Sand festgefahren. Ein aus dem Dorf angeforderter Traktorfahrer, wollte uns aus dem Weichsand befreien und verlangte lt. dem Fährmann zu viel Geld. In kurzer Zeit eskalierte zwischen den Leuten aus dem Dorf mit dem Traktor und der Fährmannschaft ein Streit und die Gruppen gingen mit Prügel und Stangen aufeinander los. Nachdem der Traktorfahrer eine Pistole zog und mehrmals in die Luft schoss, beruhigten sich die Streithähne und ich bezahlte den zum damaligen Zeitpunkt in der Türkei horrend hohen Lohn von umgerechnet von ca. 5.-DM.
Glücklich auf der anderen Euphratseite angekommen, merkte ich, das mein Tank fast leer war. Bis zu nächsten Tankstelle waren es sicher noch 100 km. So steuerten wir eine Erdölpumpstation an. Einige arg finster blickende Kurden mit riesigen Schnurrbärten deuteten uns an, wir sollten hinter die Baracken fahren, wo etliche Benzinfässer standen. Ich holte einen 10 l Reservekanister hervor, um ihn auffüllen zu lassen. Die Kurden begannen zu Lachen und deuteten mir an, ich sollte meinen Tankdeckel öffnen. Um Nuh füllten sie meinen fast leeren Tank bis zum Rande auf. Ich wollte den Sprit bezahlen und wieder begannen sie zu Lachen, sie wollten kein Geld, der Benzin gehört dem Staat und sie könnten ihn nicht verkaufen. So bekam ich eine Tankfüllung fast geschenkt. Als Gegenleistung wollten sie ein paar Cola Dosen, die ich ihnen jetzt selbst lachend gerne gab. Anschließend wollten sie aber auch noch ein Wettschießen veranstalten. Da es heiß war, waren die Cola Dosen gleich ausgetrunken. Die wurden dann auf einen Drahtzaun zwischen großen Erdöltanks aufgespießt, wir mussten dann ca. 30 m nach rückwärts marschieren und 5 Kurden holten dann aus ihren Hosentaschen jeder eine großkalibrige 9 mm Pistole hervor. Das Zielschießen konnte beginnen. Ein Dose nach der anderen wurde mehr oder weniger mit mehreren Schüssen durchlöchert. Dann bekam auch ich eine Pistole in die Hand. Nach 2 Schüssen gelang auch mir durch Zufall eine Cola Dose zu treffen, dafür erhielt ich von den finsteren Gesellen wohlwollendes Schulterklopfen. Anschließen gab es noch Chay und Raki. Nach einem üppigen Hammel- Reis- Gericht schliefen wir wirklich gut im Schutze dieser Erdölpumpstation und seiner Wächter. Am nächsten Tag war der Abschied von den Kurden sehr herzlich, es war sicher nicht nur für uns ein tolles Erlebnis. Uns war jetzt voll bewußt, das wir im Wilden Kurdistan angekommen waren!
Unser nächstes Ziel war der Van See. Auf der Strecke wollte Ali Osman einen Freund aus seiner Militärzeit in Diyarbakir besuchen. Diyarbakir beeindruckte durch die gewaltigen schwarzen Stadtmauern, die noch fast vollständig erhalten sind. Wir wurden sehr herzlich bei dieser Kurdenfamilie empfangen und 2 Tage mit großer Gastfreundschaft versorgt. Ein Abendbesuch im Hamam war für Renate und mich ein neues Erlebnis. Besonders überrascht war Renate, das sie von den Kurdenfrauen im Hamam gleich eine Heißwasserdusche bekam, das ihr fast die Luft weg blieb, eine Öl- Vollkörpermassage mit inklusiver Kahlrasur der Schamhaare.
Auf der Strecke nach Van übernachteten wir immer bei den Militärstationen, die regelmäßig außerhalb der Ortschaften angelegt waren. Die Soldaten bewachten uns und unser Auto. Am Morgen erhielten wir immer einen Guten- Morgen- Chay von den Soldaten. Einmal erhielt ich für Renate von einem Soldaten einen Heiratsantrag und er war dann sehr entäuscht, das Renate nicht meine Schwester war, wie er meinte.
Weiter nach Osten wurden wir sogar per Funk bei der nächsten Gendarmastation angemeldet, wo wir dann auch erwartet wurden. Einmal kam uns sogar ein Militärjeep entgegen, um uns zu suchen, da wir uns verspätet hatten und es schon dämmerte. Man hatte uns geraten, auf keinen Fall in der Dunkelheit zu fahren, das wäre auch für einheimische Fahrzeuge gefährlich.
Auf der Strecke zum Van See kamen wir durch die Ortschaft Silvan. Die Durchfahrt durch den Ort war von vielen Menschen nur Männern fast versperrt, es war gerade Markt. Finstere Kurden versperrten uns die Durchfahrt. Dank Ali Osman ließen sie uns nach längerer Verhandlung dann doch passieren. Renate hatte sich vor lauter Angst hinten im Auto unter einer Decke verkrochen. Mir war noch nachträglich ganz schön mulmig zu Mute, als mir Ali Osman dann erzählte, das ihn die Kurden fragten, warum er die Touristen nicht alleine fahren lasse?
Die Strecke zum Van See und die Umgebung war sehr beeindruckend, eine fast kahle Landschaft mit hohen Bergen. Wir wußten, dass man mit einem kleinen Boot auf eine Insel im türkisblauen See fahren konnte, um dort eine antike armenische Basilika besuchen konnte. Das war auch dann ein tolles Erlebnis.



Wir erreichten dann Dogubayazit, der Grenzort am Arrarat nahe der Persischen Grenze. Die kleine Stadt liegt an der Transitstrecke nach dem Iran, Pakistan und Indien. Ein Tip von unserem Dolmetscher: dort wo am Straßenrand an einem Restaurant viele LKW stehen, gibt es ein gutes Essen. So war es auch, wir haben immer ein ausgezeichnetes Essen erhalten. Die türkischen Speisen schmeckten uns besonders gut! Nahe der Stadt erhebt sich auf einem Hügel ein alter Sultanspalst: Ishak Pasa Saray! Eine beeindruckende Kulisse vor dem über 5000 m hohem schneebedecktem Ararat.



Zur Feier des Tages kauften wir ein Huhn, das Ali Osman fachgerecht mit einigen Gebeten tötete, ausweidete, zerlegte und anschließend am Feuer grillte. Einige Kilometer in Richtung der Grenze gibt es im Boden ein riesiges Loch zu sehen. Ca. 50m im Durchmesser mit senkrechten Wänden und ganz schön tief und mit Wasser gefüllt. Meine erste Vermutung, ob das eventuell ein Meteoritenkrater sein könnte? Dagegen sprechen aber die senkrechten Felswände, vielleicht hat das Loch einen vulkanischen Ursprung? Vorbei am Ararat fuhren wir über Igdir und Digor nach Kars. Unangenehm waren auf der Strecke die Steine werfenden Hirten. Mit der linken Hand deuteten sie zum Mund, das sie Zigaretten haben wollten, aber gleichzeitig hatten sie bereits in der rechten Hand hinter ihrem Rücken versteckt einen faustgroßen Stein. Nachdem ich Angst um meine Scheiben am Auto hatte, löste ich das Problem und drehte aus WC- Papier Röllchen wie Zigaretten, die ich vor Erreichen der Steinewerfer aus dem Fenster warf. Bis die den Schwindel bemerkten, waren wir schon außer Reichweite ihrer Steine.



In Kars beeindruckten die vielen Pferdekutschen auf den Straßen, die als Taxis angemietet werden konnten. Wir besuchten das Museeum und besichtigten die Zitatelle, die über der Stadt ragte. Wir besorgten uns beim Militär eine Genehmigung für die Besichtigung von Ani, eine antike Ruienenstadt direkt an der russischen Grenze mit beindruckenden riesigen Kirchenruinen. Wir bekamen einen Militärbegleiter, der uns ausdrücklich untersagte, den russischen Wachturm auf der anderen Grabenseite zu fotografieren. Ja 1966 war das noch die schwer bewachte Grenze zwischen der NATO und den UDSSR.



Wir fuhren dann auf ziemlich schlechten Schotterpisten durch eine mit Nadelbäumen bewachsene Berglandschaft mit über 3000 m hohen Gipfel, der Ausläufer des Kaukasus Richtung Hopa am Schwaren Meer. In dieser Berglandschaft standen Holzblockhäuser mit weit überstehenden Dächern die mit Steinen beschwert waren, wir hatten den Eindruck, dass wir durch unsere Alpen fahren.



Dann trauten wir unserem Augen nicht: wir sahen vom Auto aus links und rechts auf den Wiesen und in den Wäldern Pilze wachsen: riesige Parasol mit fast 50 cm Kappen im Durchmesser! Die Nadelwälder waren voller Steinpilze, die man nicht suchen mußte, die konnte man mit der Sense abmähen, UNGLAUBLICH! Nach 2 wunderbaren Steinpilzessen und in der Pfanne gebratenen Parasolkappen, wollten wir die restlichen gesammelten Pilz trocknen. Dies misslang aber, da sie durch die hohe Luftfeuchtigkeit verschimmelten.



Entlang der Schwarzmeerküste von Hopa nach Trabzon und Samsun gab es keine Sehenswürdigkeiten. Von Samsun machten wir noch einen Abstecher zur Ausgrabungsstätte nach Hattusas und zu den antiken Steinrelievs von Yazilkaya.Dann ging es auf direktem Wege wieder zurück nach Göreme, da wir unseren Ali Osman zurück bringen mußten. Wir wurden herzlich von seiner Familie und seine Eltern begrüßt. Sie waren alle glücklich, dass wir ihren Ali Osman wohlbehalten zurück gebracht hatten. Am Abend wurde ein Hammel geschlachtet. Das halbe Dorf feierte mit uns einen vergnüglichen Grillabend mit Hammel am Spieß, mit Raki und dem guten Rotwein aus Göreme. Da es noch viele Christen in Göreme gab, war Wein und Raki dort kein Tabu.



Wir fuhren dann ziemlich zügig zurück nach Istanbul. Auch die Rückfahrt durch Bulgarien, über den Autoput und durch Österreich verlief unfallfrei und so erreichten wir nach 5 Wochen München.



Unsere erste große Fahrt bis an die Grenze des Kaukasus war ein tolles Erlebnis und auch zum Teil ganz schön abenteuerlich. Denn 1966 sind nur wenige Touristen bis Göreme gefahren. Das wilde Kurdistan im Osten der Türkei war schon noch ein großes Abenteuer und noch kein friedliches Urlaubsland!

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Reise 1995/96 Indien/ Nepal / Sikkim mit Motorrad !

Es ist nie zu spät, seine Träume zu verwirklichen! Obwohl ich bereits (1995) 54 Jahre alt geworden bin und seit drei Jahrzehnten kaum mehr Motorrad gefahren war, beschloß ich, Nepal und Nordindien auf dem Motorrad zu erkunden:

Nordindien und der Himalaya haben mich schon immer fasziniert. Nach fünf beruflichen Indienreisen und einigen Touren mit Geländewagen und VW- Bussen bis nach Afghanistan war für mich klar: Ich will mein Wunschland mit dem Motorrad auf dem Landweg erreichen. Da ich aber außer einer alten BMW R50 kein Motorrad besaß, mußte ich mich nach einer geeigneten Maschine umsehen. Als ich dann zufällig zwei Bayern kennenlernte, die ihrerseits eine Indientour planten und für diese Reise zwei BMW R 80 G/S vorbereiteten, entschied ich kurzerhand, den gleichen Typ zu wählen. Kurze Zeit später konnte ich eine gebrauchte G/S mit 40. Tkm Laufleistung erwerben und machte mich daran, die Maschine mit Alu- Boxen auszurüsten und schon mal die nötigen Ersatzteile zu besorgen.
Woran es mir allerdings bitter mangelte, war Motorraderfahrung. Zwar hatte ich meinen Motorradführerschein bereits 1964 in Österreich gemacht, war aber seit meinem Umzug nach Deutschland 1965 so gut wie nie gefahren. Während vieler Jahre Berufstätigkeit war dann aber das Bedürfnis , wieder Motorrad zu fahren, immer stärker geworden und so hatte ich die BMW R 50 gekauft, um sie in aller Ruhe zu restaurieren.
Der Beitritt Österreichs zur EU am 1.1.1995 war dann eine günstige Gelegenheit, meinen österreichiuschen Motorradführerschein auf einen deutschen umschreiben zu lassen.
Im Schnellverfahren machte ich dann meine ersten Motorraderfahrungen, indem ich meine frisch erworbene R 80 G/S vorsichtig durch die bayerischen Voralpen bewegte. Ein erster Abstecher nach Südtirol und zurück über den Brenner bescherte mir dann nie gekannte Motorradabenteuer: herrliches Wetter und erste Serpentinenfreuden über das Timmelsjoch und den Jauffenpaß bis Sterzing. Ab dem Brenner dann strömender Regen bis Bad Tölz. Ankunft um Mitternacht. Ich war vollkommen durchnäßt, durchgefroren und schimpfte auf das miserable Licht der R 80 G/S. Fazit meiner ersten größeren Motorradtour: Wer mit 54 Jahren mit dem Motorradfahren beginnt, muß schneller lernen. Die Ausrüstung muß optimiert, ein Zeitplan muß erstellt werden. Einfach mal schnell ohne Planung einen Ausflug nach Südtirol machen, nein, damit ist es bei weitem nicht getan.
Meine bayerischen Bekannten, die ihre Reise schon seit längerem geplant hatten, gaben mir Tips zur Motorradvorbereitung. Ursprünglich wollten wir zusammen starten, doch das ließ sich aus verschiedenen Gründen nicht mehr realisieren, davon später! So fasste ich einen neuen Plan ins Auge: ich würde meine BMW in eine Kiste packen und per Luftfracht nach Indien befördern. Ich selbst würde hinterher fliegen und dann meine beiden bayerischen Bekannten in Delhi erwarten, um dann mit ihnen gemeinsam nach Nepal zu fahren.
Gedacht getan. Kurze Zeit später war meine BMW samt Zelt und Schlafsack im Bauch eines KLM- Jumbos unterwegs nach Indien. Als mich von den beiden Freunden die Nachricht erreichte, dass sie in Teheran mit Elektronik- Problemen festsaßen, war es zu spät, das Unternehmen abzubrechen. Ich wollte auf jeden Fall fahren. Endlich kam die Meldung, dass auch die beiden ihre Fahrt fortsetzen konnten. Je näher der Abflug nach Indien rückte, desto nervöser wurde ich. Hatte ich auch nichts vergessen? Es ist meine erste große Motorradreise und ich hatte noch wenig Erfahrung. Die Spannung steigerte sich, als mir mein Chef mitteilte, ich müsste noch eine Woche vorher nach Bangkok fliegen. Diese Reise konnte ich nicht delegieren. Ich musste fliegen, obwohl ich wusste, dass mir nach der planmäßigen Rückkehr aus Bangkok nur noch zwei Tage zur Reisevorbereitung bleiben würde. Da ich mich in meinem Beruf als Projektleiter an viel Streß gewöhnt habe, sah ich der Sache gelassen entgegen.
Endlich in Delhi, Bangkok hatte ich erfolgreich und planmäßig beendet. Erst um drei Uhr sinke ich in mein Hotelbett. Ein paar Stunden später beginnt das Abenteuer:
„ Befreiung des Motorrades aus dem indischen Zoll".
Trotz der Mithilfe eines Speditionsagenten der indischen Niederlassung meiner Firma dauerte es drei Tage, bis ich mein Motorrad in Empfang nehmen kann. Etwa 30 verschiedene Beamte hatten unzählige Formulare unterschrieben, Schmiergelder wurden locker gemacht, der bürokratische Aufwand hier ist vermutlich nirgendwo auf der Welt zu überbieten.
Endlich treffen auch die beiden bayerischen „Überlandfahrer" ein. Die 9000 km von München bis Delhi haben sie so erschöpft, dass sie nicht mehr weiter nach Nepal fahren wollen. Also fahre ich alleine. Ich bin mir des Risikos bewusst, das ich mit meiner geringen Erfahrung eingehe und plane daher sorgfältig meine nächsten Schritte. Auf keinen Fall will ich die Fehler der beiden nachmachen und nur mörderisch überlastete indische Hauptstraßen befahren. Meine Devise heißt daher: „ Verkehrsarme Nebenstrecken bis zur nepalesischen Westgrenze". Ich hoffe das diese existieren, mache mich auf den Weg und suche mir mit Hilfe meines GPS einen Weg aus dem Straßengewirr der indischen Metropole.
Die Dieselabgase der LKW`s verfärben meine noch saubere Gore- Tex- Jacke innerhalb kurzer Zeit in eine schmutzig- graue Mechaniker- Montur. Auf Busse und Lastwagen muß ich höllisch aufpassen, sie nehmen keine Rücksicht auf entgegenkommende Motorradfahrer und drängen mich so manches Mal brutal in den Straßengraben. Bei Rampur kann ich endlich auf Nebenstrecken abbiegen und genieße fortan eine abwechslungsreiche Fahrt zur nepalesischen Westgrenze. Dank meines GPS finde ich auch unmarkierte Kreuzungen und fahre öfters im Schritttempo durch malerisch- bunte Dörfer.
In einfachen, aber sauberen Gasthäusern kann ich übernachten, das Essen schmeckt trotz scharfer Gewürze vorzüglich. Ich erreiche die Nepalgrenze.
Nach einem freundlichen Händedruck des Zöllners und einer süßen Tasse Kardamon- Milchtees, bin ich in Nepal! In einer Holzhütte, wo man sogar indische in Nepal- Rupis tauschen kann, wird mein Visum abgestempelt. Der freundliche Beamter erzählt mir auch noch von der Schönheit seines Landes und möchte dann dafür als Gegenleistung 50.- USDollar. Nachdem ich ihm glaubhaft versichert habe, das ich gerade alle meine USDollar in Nepal- Rupis gewechselt habe, gibt er sich mit 50.- Nepal- Rupis zufrieden! ( ca. 2,50 DM), die ich ihm großzügig als Nebenverdienst gönne.
Richtung Kathmandu fahre ich im Schritttempo auf einer grobgeschotterten Piste auf einem Überschwemmungsdamm. Nach ca. 40 km erreiche ich ein kleines Dorf. Die Nacht bricht herein und ich finde eine Unterkunft bei freundlichen Leuten. Die Wirtsleute erzählen mir von einer Asphaltstraße gleich hinter dem Dorf. Tatsächlich finde ich am nächsten Morgen die bestens asphaltierte Straße und kann sogar gut gelaunt bis auf den 5. Gang hochschalten. Dann versperrt mir ein riesiger Kieshaufen auf der Straße die Weiterfahrt. Dahinter ein gewaltiger Urwaldfluß.
Ich muß über die Böschung zum Ufer runter fahren und warte auf einen einheimischen Mopedfahrer, der mir eine Furt mit dem niedrigsten Wasserstand zeigte. Von den umliegenden Reisfelder kommen die Bauern und Kinder angerannt, um sich dieses Schauspiel nicht entgehen zu lassen, wenn ich mich durch die Furt wage. Mit Herzklopfen fahre ich dann ca. 100 m durch bis zu 40 cm tiefes Wasser. Naß aber ohne umzufallen und ohne den Motor abzuwürgen, erreiche ich das andere Ufer. Meine erste Flußdurchfahrt ist geglückt. Viele weitere sollen noch fogen.
Auf einer Strecke von über 170 km wechselt sich jetzt die Asphaltstraße mit Flußdurchquerungen, da noch keine Brücken gebaut wurden. Dafür haben die Entwicklungsgelder scheinbar nicht gereicht. Beiderseits der Straße ziehen entweder Reisfelder, vereinzelte Dörfer oder tiefer Dschungel an mir vorbei, das Land südlich des Himalaya- Kamms ist nur dünn besiedelt. Öfters halte ich an, um große Affenherden zu fotografieren, die auf der Straße spielen. Die Geräusche aus den Dschungel, die ich dabei höre, flößen mir gewaltigen Respekt ein. Immerhin gibt es hier noch Tiger und Panzernashörner. Plötzlich hole ich vor mir 4 Motorradfahrer ein. Es sind Touristen aus Israel, die mit ihren indischen Enfields ebenfalls nach Kathmandu wollen. Sie bieten an, zwei ihrer Enfields gegen meine BMW tauschen zu wollen, doch ich wehre vergnügt aber bestimmt dieses Angebot ab. Nach einer gemeinsamen Tagesetappe verabschiede ich mich, da sie mehr mit der Reparatur ihrer Enfields beschäftigt sind, als mich zügig nach Kathmandu zu begleiten.
Langsam steigt die Straße aus der Dschungelebene empor. In der klarer werdenden Luft werden am Horizont die ersten Schneegipfel der Himalaya- Kette sichtbar. Immer noch beträgt die Luft angenehme 25 Grad C und es ist ein Genuß, durch die immer zahlreicheren Kurven zu schwingen. Durch wilde Schluchten mit grandiosen Tiefblicken windet sich die gut ausgebaute Straße vor meiner Enduro Kathmandu entgegen. Kurz vor Kathmandu wird zwar der LKW- Vehrkehr wieder dichter, aber die Fahrer sind um einiges freundlicher als in Indien und geben mir sogar Handzeichen, wenn ich Überholen kann.
Kathmandu ist erreicht und ich bin stolz und froh heil hier angekommen zu sein. Mein Freund Peter, der vor 2 Monaten von München mit seinem Wohnmobil hierher gefahren ist erwartet mich bereits. In den nächsten Tagen lerne ich seine nepalesischen Freund Madhu kennen, der gut deutsch spricht und als Reiseveranstalter hier arbeitet. Durch seine Hilfe unternehme ich wunderschöne Ausflüge in die nähere Umgebung und zu den beiden anderen Königsstädten Patan und Baktaphur, die teilrestauriert und prächtig vor den Eisriesen des Himalayas aufragen.
Anschließen fahre ich in ein Nashorncamp bei Bharatpur. Hier leben die letzten einhörnigen Panzernashörner und einige Tiger in freier Wildbahn.
Mitunter wandern die Nashörner aus dem Park und laben sich an frischen Gemüse von den unliegenden Feldern der Bauern. Das frische Gemüse schmeckt ihnen halt besser, als das verdorrte Elefantengras im Park! Den Bauern ist bei hoher Freiheitsstrafe verboten, die Tiere abzuschießen.Sie versuchen daher mit Stacheldraht und lautem Krach mit trommeln auf Kochtöpfe ihre Felder zu schützen. Das gelingt ihnen nur teilweise. Ich beobachtete einen Nashornbullen, wie er durch einen Stacheldrahtzaun marschierte als wären nur Wollfäden gespannt. Bei meiner Fotopirsch auf diese Tiere muß ich sehr vorsichtig sein. Die Tiere sehen nicht gut, hören und riechen aber umso besser. Innerhalb kürzerster Zeit sind sie in der Lage, ihr 3 Tonnen Lebendgewicht auf bis zu 60 Stundenkilometer zu beschleunigen.
Im Falle eines Angriffs, rät mir ein Ranger, hilft nur Zick- Zack zu rennen und einen Baum hoch klettern. Ich sah einen Bullen träge in einem Schlammloch liegen und pirsche mich vorsichtig von hinten an, um ein paar Fotos aus der Nähe zu schießen. Der Wind steht günstig und hinter mir weiß ich einen rettenden Baum als Rückversicherung. Beim zweiten Klick meiner Kamera schießt er aus dem Schlamm hoch. Ich renne auf dem Baum zurück. Der Bulle hat aber vor sich einen anderen Bullen erspäht und nimmt diesen wutschnaubend aus Korn.

Auf der Rückfahrt nach Kathmandu nehme ich nicht die neue Straße von Bharatpur über Mugling, sondern die alte Strecke von Hetauda, die in den fünfziger Jahren vom indischen Militär in die Felsen gebaut wurde. Sie ist nur teilweise asphaltiert und wird seit der Fertigstellung der neuen Straße nicht mehr repariert. Genau das Richtige für mich und meine Enduro. Auf dieser Strecke erlebe ich die beeindruckendsten Ausblicke auf die Terrassenlandschaft Nepals. Nach der Auffahrt zur Paßhöhe bei Daman in über 3000 m Höhe eröffnet sich mir bei stahlbauen Himmel das einzigartige Panorama des höchsten Gebirges der Welt. Die Sicht reicht vom Anapurna bis zum Mt. Everest. Ich bin so beeindruckt, das ich hier oben übernachte, um den Sonnenuntergang sowie den- Aufgang hier zu erleben. Dieses Schauspiel war unvergesslich.

In Kathmandu treffe ich wieder Peter, der mit seinem Kleintransporter von München bis Kathmandu gefahren ist. Er hilft mir, für meine G/S bei einem Bekannten namens Madhuban ein Winterquartier zu organisieren und ich berichte per Fax meinen Freunden zu Hause vom Gelingen meiner ersten Motorradtour. Abschließend unternehme ich noch einen Rundflug zum Mt. Everest und setze mich mit mir selbst zufrieden in das Flugzeug nach München.

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Februar 1996: Fortsetzung der Nepalreise

Kaum ist Weihnachten vorbei, mache ich mich an die Planung zur Fortsetzung meiner Tourenfahrt.

Auf meiner ersten Reise habe ich gelernt, das es in Nepal keinen Winter in unserem Sinn mit Schnee und Regen gibt, sondern das es im östlichen Teil des Himalayas von September bis Mai so gut wie keine Niederschläge fallen. Lediglich im Westteil des Massivs, im nordindischen Kashmir und im Pamirgebirge in Nordpakistan findet ein echter Winter statt, wie wir ihn beispielweise aus den Alpen kennen. In Nepal dagegen ist bei Tagestemperaturen von 20 Grad und klarem Himmel problemlos auch eine Motorradtour im Winter möglich. Von Dezember bis März können aber nachts die Temperaturen unter Null Grad fallen.
Über meine BMW- Motorradhändler in Bad Tölz finde ich drei Tourenfahrer, die mit zwei R 100 GS und einer R 80 G/S ebenfalls mit mir nach Indien und Nepal wollen. Wir beschließen eine gemeinsame Fortsetzung meiner Tour und die drei beginnen sofort mit meiner Unterstützung ihre BMW`s versandfertig für den Lufttransport nach Delhi zu machen. In der Zwischenzeit organisiere ich die Visas für Indien und Nepal sowie die Carnets beim ADAC. Leider haben wir nur vier Wochen Urlaub und so muß ein genauer Zeitplan erstellt werden. Durch Zufall erfahre ich, daß es seit einigen Monaten möglich ist nach Darjeeling zu fahren und eine Sondergenehmigung für die Einreise in das Königreich Sikkim zu bekommen. Diese Tour wollen wir unbedingt machen und damit ist unsere Reiseroute auch schon vorgegeben.

In Delhi angekommen, glückte es uns dank der Erfahrung meiner ersten Reise, alle drei Maschinen innerhalb von nur zwei Tagen aus dem Zoll zu bekommen! Wieder fließen Schweiß und Schmiergelder, aber schließlich lassen wir Delhi hinter uns. Meine Transporttaschen sind auf drei Maschinen verteilt und ich fahre auf dem Soziussitz von Joachims R 100 GS bis Kathmandu. Bei den Flußdurchfahrten steige ich ab und sondiere das Gewässer zu Fuß. Nach einer Woche erreichen wir Kathmandu. Noch am gleichen Abend erwecke ich meine gute alte G/S aus ihrem Winterschlaf und am nächsten Morgen starten wir mit vier BMW`s von Kathmandu aus nach Pokkara.
Die große Attraktion dort ist das Massiv des Anapurna. Leider sashen wir den Gipfel des 8000 ender nur wenige Minuten, dann verhüllen Thermikwolken sein mächtiges Haupt. Auf der alten Militärstrasse geht es dann hinunter in die Ebena nach Butwal, wo wir die ersten Reifenpannen verzeichnen.Erstmalig probieren wir die Reparatur von Schlauchlosreifen mit den handesüblichen Reparatursets. Es funktioniert und wir ersparen uns das Einziehen eines Schlauches. Durch die Reifenreparastur erreichen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit unseren Zeltplatz am Ufer des Narayani River am Eingang des Nationalparks.
Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Osten, Richtung Sikkim. Viele Baustellen lassen uns nur langsam voran kommen. Müde und völlig eingestaubt erreichen wir Siliguri. Nach Tagen genießen wir wieder mal eine Dusche. Dann geht es weiter zur berühmten Teestadt Darjeeling.
Steil und in sehr engen Serpentinen schraubt sich die Straße in die Berge. Endlose Teeplantagen sind in die Hänge modelliert. Fünf Kilometer vor Darjeeling stoßen wir auf eine uralte Schmalspur- Dampfeisenbahn, die von den Engländern vor mehr als 100 Jahren gebaut worden ist. Die Bahngleise sind auf der Straße verlegt und nur unter größter Vorsicht mit den Motorrädern zu überqueren. Darjeeling liegt malerisch auf einem Bergrücken und läßt noch den Glanz des vergangenen Jahrhunderts erahnen. Wir übernachten hier. Bevor wir nach Gangtok, der Hauptstadt von Sikkim aufbrechen, decken wir uns noch mit Original- Darjeelingtee ein.
Mit unserer Sondergenehmigung ist die Kontrollstelle des indischen Militärs schnell passiert.Seit einigen Jahren steht Sikkim unter indischer Verwaltung. Es wird genau registriert, wer nach Sikkim ein- und ausreist. Die Grenze nach China ist nah und so werden wir noch mehrmals von Militärposten kontrolliert. Die ist sehr freundlich und das kleine Königreich ist noch kaum touristisch erschlossen. Wir erkunden die Umgebung von Gangtok und gelangen nahe des 3. größten Achttausender, dem Kantschenschonga, auf 3000m in Pelling zu einem buddhistischem Kloster, das auf einer Anhöhe vor der Kulisse des gewaltigen Achtausender liegt. Die untergehende Sonne taucht die Berge noch lange Zeit in blutrotes Licht.
Nach diesem Abstecher in die Bergwelt Sikkims müssen wir an die Rückfahrt denken. Es sind noch dreitausend unbekannte Kilometer bis Delhi, und wir sind schon um zwei Tage hinter unserem Zeitplan zurück. Im Schnitt bedeutet das jeden Tag eine Strecke von 275 km. Die schlechten verkehrsreichen indischen Straßen lassen diesen Schnitt jedoch nicht täglich zu und so müßen wir uns auf einige Gewaltetappen gefaßt machen.
Bei der Abfahrt von Pelling stürze ich zu allem Überfluß so unglücklich, das ich mir den Großen Zehe breche. Mit eingelenktem Vorderrad will ich einen Jeep überholen und fahre dabei auf einen Steinauf, der auf dem Asphalt wegrutscht. Mein Vorderrad rutscht mit und kommt dann voll eingeschlagen an einem im Asphalt eingelassenen „Speedbraker" urplötzlich zum Stillstand. Dabei fliege ich über den Lenker und schlage mit dem rechten Rist heftig auf den Asphalt. Mein Fuß schwillt stark an und der Große Zeh schmerzt fürchterlich.
Doch ich beiße die Zähne zusammen und wir erreichen bald die Gangeseben. Jetzt sind es nur noch ca. 80 km bis nach Benares oder Varanassi, wie es jetzt heißt. Für diese Strecke benötigen wir 7 Stunden, da wir an dem größten LKW- Stau vorbei müssen, den ich je gesehen habe. Es wir dunkel und die Sicht ist durch die Dieselabgase zusätzlich erschwert. Der Grund des gewaltigen Staus ist eine nur einspurige Brücke über den Ganges, der auch noch von der Eisenbahn benützt wird. Nur alle halbe Stunde wechselt die Fahrtrichtung im Einbahnverkehr. So erreichen wir unsere Unterkunft erst mitten in der Nacht. Am nächsten Morgen sind wir schon wieder um 6 Uhr früh auf den Beinen. Bei einer Bootsfahrt am Ganges wollen wir unbedingt die Badezeremonien der Pilger im Heiligen Fluß beobachten. Das Schauspiel wird uns lange in Erinnerung bleiben.
Die nächste Tagesetappe führt uns bis Kajuraho, ein Ort, der berühmt ist wegen seiner 30 Tempelanlagen mit erotischen Steinreliefs. Eine Gruppe von Mönchen sitzt meditierend auf den Steistufen und würdigt die von Ruß und Staub der Landstraße verdreckten Motorräder keines Blickes. Der krönende Abschluß unserer Reise ist die Besichtigung der Städte Agra und Fatempur Sikri. Fatempur Sikri wurde einst von einem Moghul Sultan gegründet und war nur wenige Jahre die Haupstadt des Moghulreiches. Leider hat das zu wenige Wasser für so viele Menschen nicht gereicht und so wurde die Stadt mit seinen beeindruckenden Bauwerken bald wieder verlassen. Seit einiger Zeit gehören diese Bauwerke neben dem Taj Mahal zu dem am meist besuchten Touristenorten Indiens.
Agra faziniert uns fast noch mehr. Hier besichtigen wir trotz unser Zeitnot das berühmte Taj Mahal. Natürlich ist der Aufenthalt viel zu kurz, aber leider haben wir nicht mehr Zeit. Unser Rückflug von Delhi nach Deutschland läßt sich nicht umbuchen und wir müssen ja auch noch unsere Motorräder in Kisten verpacken. Auf Nebenstrecken fahren wir zurück nach Delhi. Heilige Kühe liegen mitten auf der Fahrbahn und sind sich ihrer Immunität anscheinend voll bewußt und lassen sich auch beim stärksten Verkehr nicht in ihrer Ruhe auf der Fahrbahn stören. In Delhi dauert das Zimmern der Holzkisten länger als geplant, weil uns ein Teil der hinterlegten Bretter gestohlen wurden. Holz als Baumaterial und Brennstoff ist teuer in Indien. Die Kisten sind dann doch fertig und wir erreichen noch rechtzeitig zum Abflug unser Flugzeug. Als ich müde und mit schmerzendem Zehen im Flugzeug sitze, fahre ich in Gedanken nochmal unsere Tour und beginne bereits von der nächsten Tour zu träumen. Der riesige Subkontinent mit seiner tausendjährigen Kultur und dem höchsten Gebirge der Welt haben mich so sehr beeindruckt, das ich bereits eine weitere Reise mit dem Motorrad nach Ladak und Zanskar in den indischen Teil des Himalayas plane. Vielleicht gelingt es mir ja eines Tages auch, eine Einreisegenehmigung für Tibet zu erhalten?
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